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Focus
11/2003 reo reo = husch husch

Das Szenario ist alltäglich: Der Grundeigentümer ist Thai, etwas älter schon, reich, und lebt in Bangkok. Er hat einen jüngern, dynamischen, fliessend Englisch sprechenden Rechtsvertreter eingesetzt, welcher mit dem Verkauf des Grundstückes im Perimeter von Pattaya, dem emerging redlight Center par excellence, betraut ist. Der Eigentümer sitzt auf dem Chanod, dem Grundtitel. Diesen wird zwar er Zug um Zug gegen den vollen, bereits unverrückbar festgesetzten Kaufpreis herausgeben, aber eben nicht anders.
Der Jungedynamische wird sich nun aber nicht einfach mit ein paar Inseraten auf die Socken machen, den Käufer zu finden, in der demütigen Hoffnung auf ein angemessenes Provisiönchen. Er weiss um den unermesslichen Reichtum dieser Farangs genannten golfspielenden Kolosse und sexbesessenen Endfünfziger. Er ist fest entschlossen, seinen Auftrag als völkerverbindende Mission aufzufassen, als Sendung gewissermassen, einen wirtschaftlichen Ausgleich zu schaffen zwischen dem unendlichen Ueberfluss der westlichen Invasoren und der bittern Armut der nordthailändischen Lehnbauern und ihrer sich in Reisfeldern abrackernden Kinder.
Die paar sich im Eigentum des bangkokschen Grundeigentümers befindlichen, von Wassereinbrüchen gepeinigten und vom Fungus gezeichneten und bereits vor ihrer Vollendung abgehalfterten Stahlbetonzeitzeugen aus der Blütezeit der wilden Achtziger definiert der einheimische Jungunternehmer kurzerhand als „ongoing project”. Er sucht die Nachrichtentreffs im Einzugsgebiet der isanstämmigen Gefährtinnen seines Zielpublikums auf. Flüstert dort, nach Entgegennahme sämtlicher buddistischen Gelobungen strengster Verschwiegenheit halblaut Geheimnisse aus. Stories von abergläubischen Krebskranken aus hohen Kreisen des Militärs. Von Bankangestellten, deren Zeit abgelaufen ist. Von Journalistenwitwen, welche von Regierungskreisen abgefunden wurden. Einfach von Zufällen, viel Geld und politischen Motiven, vom Glück und vom Schicksal und von der einmaligen Chance für Raschentschlossene, auch einmal dabei zu sein beim grossen Win-Win.

Um an einen dieser Happen zu gelangen, bedarf es natürlich zweckdienlicher Vorkehr.

Als Erstes und Wichtigstes – das merken die ins Vertrauen Gezogenen von selbst – muss der weitgereiste Botschafter abendländischer Wohlfahrt instrumentalisiert werden. Es ist an der von ihm Angebeteten, ihn in die streng geheimen verschlungenen Wege thailändischer Geldströme einzuweihen, ihn zum Insider der südostasiatischen Hochfinanz zu küren.
Ist es einmal soweit, nimmt das Schicksal unerbittlich seinen Lauf. Es werden hochfahrende Businesspläne geschmiedet, kühne Entwürfe auf von Bier und Kondenswasser triefende Papierservietten gezeichnet und in Gedanken auch schon das Geld ausgegeben, welches man sich von diesem Glücksreigen erhofft.

Solche Sinnesorgien laufen Gefahr, von eher trivialen Ereignissen abrupt gestoppt zu werden. So wäre es doch denkbar, dass der schneidige junge Thai eine mit vielen Stempeln, Marken und Unterschriften beglaubigte Kopie eines Landtitels präsentiert, auf dem der Name des noch bis vor Wochenfrist stolzen Grundeigentümers klar ersichtlich ist. Und dass der lockere Typ mit dem strahlenden Lächeln eine Generalvollmacht aus dem Hut zaubert, welche die Freundin des Unglücklichen – Sie haben richtig gelesen – zweifelsfrei als solche identifiziert. Nur leider nicht wissen kann, dass bei einer Vollmacht alles, wirklich auch alles akribisch aufgeschrieben sein muss, was sie umfasst.

Den zwar in thailändischer Sprache gehaltenen, aber bereits ins Englische oder gar ins Deutsche übersetzten Vorvertrag zieren schon bald kunstvolle verkrakelte Runen, mit allen dazugehörigen Zeugenunterschriften. Es naht der Tag, wo die ersten vertrauensbildenden Handlungen anstehen. Mittelpunkt bildet natürlich der Cashier-Cheque, dieses beliebte und kostengünstige Instrument, welches die Parteien von der Pflicht entbindet, bündelweise Banknotenpacken im Hosenbund spazierenzuführen, aber auch verhindert, dass sich ein als dreister Dieb oder als unterschlagender Finder verkleideter Robin Hood schadlos halten kann.
Die paar hunderttausend Baht – odere auch ein bisschen mehr – verlassen nun vertragsgemäss den bisherigen Besitzer, welcher dafür eine professionell vorbereitete Quittung mit allem Drum und Dran erhält. Sich noch kurz fest in die Augen geschaut, ein kräftiger Händedruck, auch ein etwas tief geratener Wai darf es sein, und die Sache ist geritzt.

War der Grundeigentümer zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses immer noch derselbe, welcher auf der Kopie des Grundtitels eingetragen ist? Berechtigte die vorgelegte Vollmacht den Bevollmächtigten tatsächlich auch, für den Vollmachtgeber Gelder einzuziehen und rechtsgültig zu quittieren? Wenn auch nur eine dieser beiden zentralen Fragen im Nachhinein negativ beantwortet werden muss, liegt voraussichtlich Betrug vor. Und die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld unwiederbringlich verloren ist. Ob Miet- oder Kaufvertrag: lassen Sie durch den Fachmann abklären, ob Ihr Vertragspartner auch der Eigentümer oder durch diesen gehörig bevollmächtigt ist. Wenn das Chanod nicht vorgelegt werden kann, weil der Grundeigentümer angeblich abwesend oder der Titel bei einer weit abgelegenen Bank verpfändet ist: Lassen Sie den Vertragspartner einen aktuellen, beidseitig original abgestempelten, datierten und unterzeichneten Grundbuchauszug beschaffen. Das kann er innert weniger Stunden (wenn er nicht mal hierzu ermächtigt sein sollte, müssten sie ihn ohnehin in die Wüste schicken). Heutige Lehre: vor dem Zahlen alles bedenken, sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen (=mai reo reo, dschaa dschaa).

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